Standard-Interview

“Ohne Autonomiestatut wäre es sicher schlechter”

Interview | 3. Jänner 2013, 18:50
Publizist Gabriele De Luca

Der Publizist Gabriele Di Luca über ethnische Identität in der nördlichsten Provinz Italiens, zweisprachige Wanderwegmarkierungen und den Ruf nach einem Freistaat.

STANDARD: Wie sollte nach Ihrer Vorstellung Südtirols neue Ära nach jener von Durnwalder aussehen?

Di Luca: Sie sollte sich so gestalten, dass keine herausragende Persönlichkeit das Sagen hat. Weniger hierarchisch und patriarchalisch, mehr Mitbestimmung und Demokratieverständnis.

STANDARD: Sehnen sich Südtirols Italiener nach einer ethnischen Sammelpartei à la SVP?

Di Luca: Das glaube ich kaum. Sie hätten dafür in den letzten Jahrzehnten genug Zeit gehabt. Das haben sie nicht einmal unter Berlusconi geschafft, dessen Partei in Südtirol heillos zerstritten war. Die italienischen Parteien sind hier nur Ableger ihrer römischen Zentralen, blasse Fotokopien ohne eigene Gestaltungsfähigkeit, aber genauso zersplittert.

STANDARD: Wie empfinden Sie das oft gepriesene Zusammenleben der Sprachgruppen?

Di Luca: Als Nebeneinander ohne Böswilligkeit. Jede Gruppe lebt ein bisschen für sich, da ist viel Bequemlichkeit im Spiel. Es ist bequemer, unter sich zu sein. Die wenigsten lesen Bücher in der anderen Sprache, obwohl sie dazu durchaus in der Lage wären. Gleichsprachige Gruppen durchmischen sich ohne große Konflikte, alles scheint einfacher, es braucht keine Anstrengung.

STANDARD: In Ihrem Blog “Sentieri interrotti – Holzwege” spielt die ” Kunst des Zusammenlebens” eine wichtige Rolle. Worin besteht denn diese Kunst?

Di Luca: Es ist schwierig, einer anderen Kultur zu begegnen. Man darf nicht resignieren und auch nicht versuchen, die Grenzen zu verwischen oder die andere zu annektieren – sei es auch aus Zuneigung. Abstrakte Themen wie die Identität sollte man Soziologen überlassen und sich konkreten Problemen des Alltags widmen. Dann verschwinden die Barrieren, und das Zusammenleben wird zunehmend zum Erfolg.

STANDARD: Wie reagieren Sie auf die Parole “Los von Rom”?

Di Luca: Ich bin kein Nationalist, daher schreckt mich die Vorstellung einer Abtrennung von Rom nicht. Ich möchte gerne, dass mir jemand glaubhaft erklärt, wie man die juridischen, institutionellen, diplomatischen und sonstigen Probleme löst, die dabei auftreten. Das von Wien und Rom in langen Jahren ausgehandelte und von beiden Staaten mitgetragene Autonomiestatut müsste abgeschafft werden, die heutige Minderheit würde zur Mehrheit.

STANDARD: Nervt Sie das Geplänkel um zweisprachige Hinweisschilder auf Wanderwegen?

Di Luca: Es gibt psychologische Gründe dafür. Die grundsätzlichen Probleme sind gelöst, die Minderheit geschützt, alle leben im Wohlstand. Die Wunden früherer Jahre überleben dann eben in Form symbolischer Konflikte. Die Überbleibsel des echten Konflikts leben in Stammtischdebatten fort, ohne Dramatik, meist periodisch zu gewissen Anlässen.

STANDARD: Herrscht in Südtirol ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den drei Sprachgruppen?

Di Luca: Es herrscht eine gewisse Asymmetrie. Das Autonomiestatut hat das alte Ungleichgewicht korrigiert, aber auch ein neues geschaffen, das der Wohlstand allerdings zu einem marginalen Problem herabmindert. Aber ohne Autonomiestatut wäre es sicher schlechter. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 4.1.2013)


Zur Person:

Gabriele Di Luca (45) ist Journalist, Lehrer und Übersetzer, stammt aus der Toskana und lebt mit seiner Familie in Brixen.

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4 thoughts on “Standard-Interview

  1. Interessant und ein “pezzo forte”. Muß jetzt gehen. Werde aber in der Zwischenzeit einen Kommentar “ausbrüten”.

  2. Veramente Bel pezzo Gabriele; lo capisce soprattutto chi era presente alla discussione quando e’ stato presentato il libro “Stare insieme è un’arte. Vivere in Alto Adige / Südtirol, Verlag alphabeta Editore 2012”.

    I
    Sono d’accordo su tutto; o quasi.

    Il “Nebeneinander ohne Böswilligkeit” lo centra molto bene. Un vivere insieme che non e’ ne un Gegeneinander e neanche un Nebeneinander completo perche’ quest’ultimo di solito viene vissito meno ‘amorevolmente’ ;ma purtroppo non ancora un Miteinander. E’ una strada ancora lunga.

    Vorrei aggiungere due pensieri miei e certi correnti che secondo me sono emersi proprio nel 2012.
    Sul Landeshauptmann vorrei aggiungere che i Sudtirolesi/Altoatesini non vogliono si non più uno che gestisce la provincia autonoma come un feudo e come un contadino gestisce il suo maso. La societa’ dalla fine degli anni ottanta e’ diventata più matura e il venir meno di certa dura contrapposizione etnica ha di fatto fatto venir meno il bisogno di una figura forte che decide tutto da solo. Gli ultimi scandali hanno anche insegnato che c’e’ mancanza di meccanismi di controllo; e penso che buona parte della societa’ non voglia più decisioni prese nel piccolo camerino del retrobottega. Pero’ secondo me vogliono neanche un Landeshauptmann debole che sarebbe facile vittima delle forti lobby; e da noi ce’ne’ di queste. Vogliono una via di mezzo.
    Un pensiero secondo me tipico di una societa’ matura.

    Sul partito italiano son d’accordo. Vorrei aggiungere pero’ che forse e’ il PD a diventare a breve o a lungo il ‘partito degli italiani’. Man fin adesso non solo per meriti propri ma soprattutto anche a causa del ‘suicidio politico’ della destra altoatesina. Il PD ha stretto una forte alleanza con la Volkspartei; e’ autonomista e crede anche in un progetto autonomista; dall’altra parte agli occhi degli italiani conservatori non e’ cosi’ arrendevole come certi partiti del passato. Io personalmente credo a possibili frutti di una simile alleanza.

    http://derstandard.at/1356426700265/Ohne-Autonomiestatut-waere-es-sicher-schlechter

  3. Se e’ intelligente e se non si perde in liti interne può farcela. Comunque una destra cosi debole non lo troverà più. Agli italiani comunque farebbe bene un partito autonomista ‘in evoluzione’. Fin adesso troppi avevano come solo riferimento un ‘partito contro tutto’ che non li portava da nessuna parte. Vedremo se la pianta porterà frutti.
    Te come giornalista in quest’anno con tutte queste elezioni ci vai a nozze. 😉

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