Sabine Gruber in Brixen

Esattamente una settimana fa, all’Hotel Elephant, ho avuto il grandissimo piacere d’introdurre, assieme ad Hans Heiss, una Lesung di Sabine Gruber, l’autrice del bellissimo romanzo Stillbach oder die Sehsucht. Col permesso di Hans pubblico qui il suo intervento riservandomi di pubblicare in seguito l’intervista che le ho fatto [QUI].

Sabine Gruber, Stillbach oder die Sehnsucht, München 2011

Hotel „Elephant“ Brixen, 20. 11. 2011

Veranstaltet von heimat Brixen/Bressanone/Porsenu

Wir freuen uns, dass Sabine Gruber bei uns ist, hier im “Elephanten“ und in Brixen, wo „Stillbach“ großes Interesse gefunden hat. Nur eine denkbar knappe Einführung, da wir gespannt sind auf die Einbegleitung von Gabriele Di Luca, weil Raum sein soll für Ihre, an die Lesung anschließenden Fragen und vorab für die Autorin selbst.

 Im Rhythmus der Lebens-Reisen

Sabine Gruber ist seit Juli dieses Jahres auf einer langen Lesereise, in der Begegnung mit wechselndem Publikum, die gewiss Kraft kostet, ihr aber auch – so hoffen wir – Energie zurückgibt. Auch „Stillbach“ ist ein Buch des Reisens, in einer Pendelbewegung zwischen Gegenwart, mehreren Vergangenheiten und mit einem Vorschein von Zukunft. Räumlich im Mittelpunkt steht die Reise nach Rom, an einen universalen Ort der Geschichte, zugleich Schauplatz individueller Erfahrungen und persönlicher Geschichten.

„Stillbach“ setzt ein mit der Reise von Clara, einer der drei Protagonistinnen des Buches von Wien über Südtirol nach Rom, auf dem Weg zur Auflösung des Haushalts von Ines, ihrer eben verstorbenen Freundin, mit der ihr Leben untrennbar verflochten ist. Bereits auf dieser Reise entfaltet der Text jene ziehende Kraft, die seine Faszination ausmacht: Die Präzision, Detailsicherheit und Eindringlichkeit der Beschreibung, den Wechsel der Stimmungen im Vorübergleiten der Landschaft, das Verfließen von Innen und Außen, das Aufblitzen von Situationen und zugleich auch die Vertiefung. Die Sicherheit in der Wahl von Tempi und wechselnden Taktarten, die Musikalität und der Sog, den der Text bereits auf den ersten Dutzend Seiten voll ausspielt, sind schlichtweg stupend. Den Jazzfreund erinnern die Stränge solcher Musikalität an die hypnotische Kraft einer Gruppe wie Ronin um den großartigen Pianisten Nik Bärtsch.

„Stillbach“ handelt vom Leben von Frauen in unterschiedlichen Generationen und Existenzorten, von Männern und ihren Absenzen, sein Hauptthema aber ist das Schreiben selbst. Emma Manente, die älteste Akteurin, 1916 geboren und damit Generation Magnago, durchläuft in ihrem Aufwachsen in Stillbach, ihrem Umzug nach Rom und ihrem Aufstieg vom Dienstmädchen zur Hotelbesitzerin nicht nur Stationen persönlicher, wenn auch gebrochener Entfaltung, sondern spiegelt in ihrer Vita zentrale Stationen Südtiroler und europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, im Blick auf die Kriegsjahre 1943-45, auf die Zeit der deutschen Besetzung, der Judenverfolgung, des Anschlags von Via Rasella und ihren Konsequenzen.

Ines und Clara hingegen, die beinahe Emmas Enkelinnen sein könnten, entstammen der Generation Post-Achtundsechzig, Ines kommt als Dienstmädchen 1978 nach Rom, im annus mirabilis, als Moro entführt und ermordet wird, als mit Pertini ein vormaliger Partisan zum Presidente aufsteigt und mit Johann Paul I und II das Papsttum neue Weltgeltung erreicht. In eben dem Jahr 1978, das – so darf man für Südtirol hinzufügen, ohne dass dies im Buch explizit erwähnt wird – mit dem Tod von N.C. Kaser der Dissens im Land neue Qualität erreicht und eine neue Ära auch der Literatur einsetzt. Das Buch ist wesentlich gebaut um die Achsen der Basisjahre 1943 und 1978, um die Einschreibungen der Vergangenheit in die Gegenwart, wenn etwa mit Pertini eine Hauptfigur der Via Rasella zum Präsidenten der Republik aufsteigt und mit Erich Priebke im aktuellen Rom das Böse des 20. Jahrhunderts bis zum Schluss weiterhin präsent ist. Das Unabgearbeitete der Vergangenheit frisst sich in die Gegenwart durch, aber Geschichte ist längst nicht Alles, wird sie doch im nachhinein stets in Frage gestellt vom Eigensinn jeder Epoche und der in ihr handelnden Menschen.

Grenzen der Geschichte

„Stillbach“ schlägt auch eine Schneise in die Gegenwart, in das späte Berlusconi-Italien, das in diesen Tagen endlich abgedankt hat, sodass das Buch ungewollt auch ein Schlussstein ist, ein wenig Abgesang auf eine unselige Ära. Sie finde ich im Buch personifiziert in der Gestalt jenes Exhibitionisten, der dem nach Rom fahrenden Zug, in dem Clara sitzt, an der Bahnstrecke seinen erigierten Penis entgegen reckt, zwar obszön, aber wehrlos und von der Geschichte überholt.

“Stillbach“ ist auch Bilanz des 20. Jahrhunderts und seiner Nachwirkungen, das über den Zugang von Familien- und Generationenerfahrungen erschlossen wird, darin nicht unähnlich dem soeben erschienenen „Mittelreich“ von Josef Bierbichler oder in Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“ – deutlich wird allemal, dass die jüngere Geschichte unter dem dramatischen Druck der Gegenwart neue Bewertungen einfordert.

Geschichte und ihre Grenzen: Die in Stillbach entfalteten Biografien, zumal der Frauen sind exemplarisch für das Leben zwischen Bindung, Belastung und Befreiung. Und der Historiker Paul, der männliche Hauptprotagonist, ist mit Francesco Repräsentant einer Männer-Generation, die in neuen Selbstentwürfen trotz ihrer Brüchigkeit allmählich wieder Hoffnung gibt.

Emma, Ines und Clara sind zugleich aber auch weit mehr als bloße Typen oder Verkörperungen bestimmter Existenzweisen. Der Charakter der Figuren ist eigen-mächtig, sie sind in ihrer Lebensgestaltung und Präsenz so persönlich, dass sie sich dem Vollzug von Geschichte, der Macht ihrer Prägungen immer wieder entziehen. Der Text bildet sie in ihrer Identität, in ihren Haltungen aus, er verflüssigt zugleich aber immer wieder das scheinbar Feste und Unumstößliche. Er macht damit deutlich: Erzählen befreit von der Macht der Geschichte, von den Lähmungen des Äußeren und Auferlegten. Je mehr „Stillbach“ voranschreitet, umso mehr wissen wir zwar, umso rätselhafter werden aber auch die inneren Beweggründe und Motive der Handelnden. Daher bietet Stillbach zwar Fakten, Deutungen und Interpretationen in reicher Fülle an, es macht aber auch deutlich, wie die Narration alle Gewissheiten immer wieder unterläuft, wie neue Skripts die Fundamente unserer Selbst- und Fremdentwürfe fortwährend unterspülen.

Die erzählerische Dichte und Präzision, mit der Sabine Gruber aufwartet, ist daher auch von leiser Tücke, hinter der Genauigkeit ihrer Recherche lauert daher auch eine Falle, in die sie die Leser hineinlockt. So schildert sie das römische Hotel von Emma Manente in Räumen und Arbeitsabläufen mit einer Exaktheit, die jeden Insider geradezu entzückt, bis hinein in die kleinen Details der Küchenarbeit und Serviceabläufe.

Wir wissen aber auch, dass im Hotel per se nichts fest und auf Dauer ist, dass es ein Raum des Wechsels und der Illusionen ist, ein „Schwellenort“, in dem Dauer keinen Platz findet, in dem Gäste und Mitarbeiter ständig wechseln, das Hotel als Metapher des Lebens und der Geschichte.

 Gehen ohne Grund

Wenn auf der Erde das Sinngewebe zerrissen ist  – so fragt Clara am Schluss – bliebt dann nur mehr das Wolkengewebe am Himmel, seine ständig wechselnden und zerfließenden Muster?

Wenn aber auch alles Feste und Unumstößliche in Frage steht, fügen wir hinzu, so bleibt doch der Strom des Erzählens, das Fluten jenes Stillbachs, der ungestillte Sehnsucht, aber auch Erfüllung zugleich bedeutet. Und es bleiben jene Momente der Nähe und Verbindlichkeit zwischen Menschen, die stärker sind als Einsamkeit und Tod, die Zeiten und Abschiede überdauern.

Wir müssen Sabine Gruber dankbar sein für „Stillbach“, das von Südtirol handelt, aber über das Land und seine Beschränkungen hinausweist, das die Leichen im Keller benennt, aber nicht gegen die Vergangenheit anschreit. Die „Toten werden nicht mehr getötet“, vielmehr erschließt „Stillbach“ in der Kraft des Erzählens Öffnungen und Hoffnungen in Fülle, in einem tieferen Wissen, das nicht Resignation verbreitet, sondern Zuversicht und Gelassenheit.

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